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Zum Interview mit Marge Piercy

 


Marge Piercy

In den USA ist sie eine der erfolgreichsten und bestverkaufenden Romanautorinnen, jede ihrer Neuerscheinungen füllt wochenlang die Bestsellerlisten von Doubleday. So präsent sind Marge Piercys Werke im deutschsprachigen Raum zwar nicht, aber gerade ihre historischen und Zukunftsromane haben auch hierzulande klaren literarischen Kultstatus:

INTERVIEW

Else Laudan sprach mit Marge Piercy

• Else Laudan: Marge Piercy, Sie sind ja im englischsprachigen Raum, vor allem in den USA, eine echte Bestseller-Schriftstellerin. Sogar Ihre offen feministischem Engagement verbundenen Romane erreichen immer die Bestsellerlisten der großen Buchhandlungen.
• Marge Piercy: Meine Bekanntheit ist in den USA zweigleisig. Ich bin dort seit langem als Dichterin erfolgreich, meine Gedichtbände wurden über sechzigtausend Mal verkauft. Bei Fawcett, einem Taschenbuchverlag, kommen die Romane heraus. Dafür, dass er sämtliche Titel von mir am Markt hält, bin ich dem Verlag tief verbunden. Das gibt es kaum – vor allem bei einer Schriftstellerin, die so viele Romane veröffentlicht hat. Die Gedichtbände und Stücke sind jedoch bei einem Kleinverlag publiziert. Die meisten meiner Gedichte erschienen zuerst in kleinen Zeitschriften.
• Else Laudan: Ist Ihr Schreiben davon geprägt, Mängel und Lücken in der herrschenden Literatur füllen zu wollen? Oder wonach wählen Sie Ihre Themen aus?
• Marge Piercy: Ich glaube schon, dass wir haftbar sind für das, was wir schreiben, ebenso wie für das, was wir zu Menschen sagen, denen wir auf der Straße begegnen. Wir Schriftstellerinnen sind verantwortlich für unsere Entscheidungen, genau wie Klempner und Politiker und Bürokraten, und unsere Romane verkörpern unsere Werte und unsere Entscheidungen.
Die meisten Menschen schreiben doch über Themen, die sie fesseln. Da ich an jedem Roman rund zwei bis drei Jahre schreibe – die Recherchen beginnen schon Jahre vorher –, muss das Sujet für mich schon unwiderstehlich interessant sein. Der Einfluss eines Roman-Themas auf das ganze Leben ist groß. Wenn das Gebiet nicht auch emotional absolut faszinierend ist, könnte ich doch nie zwei bis drei Jahre damit zubringen.
• Else Laudan: Wie ist das denn im Rückblick? Bei dieser Vielfalt unterschiedlicher Formen und Thematiken – Sci-Fi, historischer Roman, 50er Jahre, Terrorismus, Sexualität, jüdische Mythologie, der Zweite Weltkrieg – könnten Sie sagen, welche Ihrer Bücher Ihnen heute am besten gelungen scheinen?
• Marge Piercy: Ich neige ein wenig dazu, diejenigen lieber zu mögen, die die seltsameren Erzählungen sind, als Romane verquerer sind als das in der Mainstream-Literatur Übliche und Erwartete. Ich schreibe auch reine Gegenwartsromane, in denen es vor allem um Beziehungen geht, so wie Sehnsüchte (edition ariadne 1996) – Bücher, die sich auf das Leben von Frauen heute konzentrieren. Dann wieder schreibe ich Romane, die thematisch unbändiger sind, wie zum Beispiel Er, Sie und Es oder Donna und Jill oder Menschen im Krieg. Und die sind mir ein bisschen lieber, weil sie erschöpfender sind, mich nachhaltiger berühren und mir intellektuell herausfordernder erscheinen. Ich schätze die anderen nicht gering, schließlich schreibe ich sie ebenfalls. Es gibt etliche Menschen, die sie tatsächlich lieber lesen und gar nicht verstehen, wieso ich die schrägen Sachen überhaupt schreibe.
• Else Laudan: Kommt es denn öfter vor, dass Ihr Lesepublikum sich nur mit einem Teil Ihrer Arbeit identifiziert?
• Marge Piercy: Andauernd. Leute, die sich für die Frau am Abgrund der Zeit begeistern, mögen auch Er, Sie und Es, aber die anderen Romane rühren sie oft gar nicht an. Das Lesepublikum für Menschen im Krieg ist wiederum ein ganz anderes. Hier ist der Anteil der Männer höher als sonst bei meinen Büchern, abgesehen von Er, Sie und Es, das viele jugendliche Lesende anzieht – vor allem Computer- und Cyberkultur-Begeisterte –, und darunter auch viele Männer.
• Else Laudan: Im Moment gilt ja als brandaktuelles Thema die urbane Vision, die Darstellung der Stadt im Science Fiction-Roman. Auch Er, Sie und Es zeigt mehrere mögliche Zukunfts-Städte. Was fasziniert uns daran so?
• Marge Piercy: Romane erbauen uns Alternativstädte, den Städten übergestülpt, durch deren Straßen wir gehen oder fahren. Da unsere Städte innere Landkarten von Erfahrungen der Abgrenzung gegen andere sind – wir gegen die –, ist ein Roman ein Weg, uns in Städte einzuführen, in denen sich andere Menschen auskennen ... Ein Roman kann die Städte von 1840 und 1890 wieder erbauen, er kann uns durch Städte führen, die vielleicht im Jahre 2137 erbaut sein werden. Jene Städte der Vergangenheit und der Zukunft und des Niemals können uns auch helfen, unsere eigenen Erfahrungen mit unseren Städten zu begreifen. Eine Zukunft, nach der wir uns sehnen, kann in uns Tatkraft wecken, die sie vielleicht erst herbeiführt. Eine Zukunft, die wir fürchten, kann uns Antrieb geben, sie zu verhindern.

 

Biographisches

Marge Piercy, 1936 in Detroit geboren und in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, entwickelte früh das Ziel, ambitionierte Prosa zu schreiben, die politische Dimensionen enthält. Neben zahlreichen Gedichtbänden veröffentlichte Marge Piercy dreizehn Romane, darunter den weltberühmten Science Fiction Frau am Abgrund der Zeit (SF 2015). Bei Ariadne erschienen außerdem Donna und Jill, Menschen im Krieg, Sehnsüchte und Er, Sie und Es. Piercys Werke wurden mit zwanzig Literaturpreisen und Ehrungen ausgezeichnet und in fünfzehn Sprachen übersetzt.
Gemeinsam mit fünf Katzen (eine heißt Malkah wie in Er, Sie und Es) und ihrem Mann (und gelegentlichen Co-Autor) Ira Wood lebt Marge Piercy auf der ländlichen Halbinsel Cape Cod. Gemeinsam haben sie einen kleinen Verlag – Leapfrog Press – gegründet. Hier verlegen sie anspruchsvolle Literatur, Lyrik und Sachbücher. Als Independent-Verlag ohne größere Kapitalreserven muss er – wie auch hierzulande (!) – ständig um sein Überleben kämpfen. Piercy arbeitet zu Hause, Ira Wood hat sein Büro bei Leapfrog Press.
Wer mehr über die Autorin erfahren möchte, kann ihre Website im Internet besuchen. Adresse:
http://www.margepiercy.com

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