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Gefährliche Gigabytes
Ein romantischer Krimi aus Wien
Martha hat Schluss gemacht. Als sie ihre Sachen holt, findet sie die Wohnung aufgebrochen und den Mann, wegen dem sie vor einem halben Jahr nach Wien gezogen ist, erschlagen.
Prompt steht Martha Marix Jones unter Mordverdacht. Glück im Unglück: Kriminalermittler Jeschek erkennt rasch, dass der Bruch von Profihand durchgeführt wurde. Und dass die patente Grafikdesignerin eine sehr viel bessere Zeugin als Verdächtige abgibt. Nach dem ersten Schock will sich Martha in die Arbeit stürzen: Sie erstellt anforderungsbezogene Datenbanken und Grafikdesign-Konzepte. Dazu hätte sie gern ihren hypermodernen Titanium-Laptop zurück, aber die Chancen stehen schlecht. Ein schräger Zufall spielt das teure Gerät jedoch in die Hände der Wiener Polizei. Passwortgeschützt - aber nicht von Martha. Nun wird der Laptop zur einzigen Spur in diesem Fall. Immerhin wäre es möglich, dass Martha bei einem ihrer Aufträge unwissentlich ein Wespennest gestreift hat ...
Leseprobe
Er war tot.
Eine hässlich klaffende Wunde an seinem Hals. Überall Blut. Auf dem Bett, an der Wand, auf dem Teppich. Kein Schrecken, kein Hauch von Angst in seinen Zügen, fast als lächle er ein ganz klein wenig. Leicht erstaunt, ungläubig. Einen Ausdruck, den sie bei ihm nie gesehen hatte. Sie hatte ihn erlebt, wenn er sich unsicher fühlte, erfreut, überrascht, aber nie mit diesen geweiteten Augen.
»Sie sind seine Freundin?«
Eine Stimme drang durch die Nebel um ihren Kopf.
»Bitte?«
Wo war sie überhaupt? Das war nicht ihre Wohnung, Herberts Wohnung. Sie saß an einem runden Tisch, ihrer war rechteckig, sie hatten eine Eckbank. Falsch. Nicht »ihre« Eckbank, »ihr« Tisch, nicht mehr, Herberts Tisch, Herberts Eckbank.
»Seine Lebensgefährtin, seine Lebensabschnittsgefährtin, wie das neuerlich heißt?« Die Stimme wurde eindringlicher. Martha hob den Kopf. Ihr gegenüber saß ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte.
»Lassen Sie sie in Ruhe. Sie hat Herbert gesehen, das wird ein gewaltiger Schock gewesen sein. Mir selber ist ganz übel.«
Die Stimme kannte sie. Kurt. Das musste seine Wohnung sein. Klar. Hier hatten sie beide letzten Sonntag gefrühstückt, als Herbert in München war.
»Ich weiß, was ich zu tun habe. Sie gehen mit meinem Kollegen nach nebenan. Und Sie, junge Dame, sagen mir jetzt Ihren Namen.«
Martha bewegte die Lippen, die Zunge, nicht sicher, ob die ihr gehorchen würden. »Jones«, brachte sie heraus.
»Bitte?«
»Martha Marix Jones.«
»Sind Sie Amerikanerin? Verstehen Sie mich? Verstehen Sie Deutsch?«
»Sie spricht perfekt Deutsch«, blaffte Kurt.
»Geht's, bringst den ins Zimmer, der soll sich da raushalten. Und Sie zeigen mir jetzt einen amtlichen Ausweis.«
Kurt wurde ins andere Zimmer geführt, Martha hörte ihn protestieren. »Das ist immerhin meine Wohnung, Sie könnten etwas höflicher sein.«
Sie versuchte, nach ihrer Tasche zu greifen. Ihre Hände schienen gefangen, verwickelt, ihr Mantel war mehrfach um die Unterarme geschlungen. Der Reißverschluss presste sich in ihre Handballen, sie saß da wie in einer Zwangsjacke. Sie löste sich langsam daraus, bekam die Tasche in die Hände und nestelte am Verschluss. Endlich bekam sie ihn auf. Wo war ihr Pass? In der Seitentasche. Der Reißverschluss hatte noch nie geklemmt. Warum heute? Nicht wieder verheddern. Ihre Hände zitterten. Rausnehmen. Der Mann riss ihn ihr aus den Händen.
»Ich bin Engländerin.«
Der Mann schlug das Dokument vorne auf. »Wo ist denn das Foto?« Er blätterte weiter und weiter. »So was, die haben das ja hinten eingeklebt. Die Engländer, sind in der Union und müssen doch Extrawürste haben. Warum wohnen Sie in Wien?«
»Bitte?« Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. »Das weiß ich nicht.«
»Sie werden mir doch sagen können, seit wann und warum Sie in Wien wohnen.«
»Warum das Foto hinten klebt, ich …« Ob sich die Engländer zusammengesetzt und beraten hatten, was sie denn tun könnten, um sich in der Gestaltung der Pässe vom restlichen Europa zu unterscheiden? Ah, da haben wir’s, wir kleben das Foto hinten ein, nicht auf Seite drei.
»Ist nicht von Belang. Warum Sie in Wien wohnen, habe ich gefragt.«
Warum fragte er dann nach dem Foto? Jetzt wollte er wieder etwas anderes wissen. »Ich arbeite hier.«
»Seit wann?«
»Ein halbes Jahr.« Der musste von der Polizei sein. Kurt hatte sie in seine Wohnung gebracht, angerufen. Die Tür stand offen. Beamte in Uniform standen im Stiegenhaus. Zwei in Zivil waren dabei, sich Schutzanzüge anzuziehen. Sie musste an Astronauten denken. Ob sie sich Helme aufsetzten?
»Herbert Glantschnig ist Ihr Freund, Sie lebten mit ihm zusammen?«
»Ja …nein ich meine … er … war es. Bis gestern.«
Er beugte sich vor. »Wie soll ich das verstehen?«
Sie wich unwillkürlich zurück, verschränkte die Arme vor dem Bauch. Alles kam zurück. Der gestrige Abend, wie sie gegangen war, wie daneben sie sich den ganzen Tag gefühlt hatte. Die Fahrt hierher, die Überlegungen, wie sie Herbert gegenübertreten sollte. »Wir … er … ich habe mich getrennt von ihm.«
Er setzte sich aufrecht hin. »Na do schau her. Heute lebt er nicht mehr. Erzählen Sie die ganze Geschichte. Hatten Sie Streit?«
Brigitt Albrecht, geboren in Solothurn (Schweiz), studierte Deutsch, Englisch und Französisch in Bern, arbeitete als Sprachlehrerin in der Schweiz und in England. Zurück in der Schweiz führte die Faszination Buch zur Arbeit in einer Bibliothek, dann in einem Verlag. Sie lebt seit 1996 in Wien, wo sie für eine pädagogische Fachbuchhandlung tätig ist (Schwerpunkt Katalogerstellung, Homepage). Dies ist ihr Debüt und Band 1 der Jeschek und Jones-Serie.
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