Katrin Kremmler
Blaubarts Handy
Ariadne Krimi 1131
· ISBN 3-88619-861-8
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Ich lebe seit zwei Jahren in Budapest. Arbeite als »Assistentin« in einer internationalen Firma und promoviere. Ich habe mir hier ein kleines Leben zusammengebaut bestehend aus: a) meinem Job, b) meiner Diss, c) Szene. Der abenteuerliche Alltag einer studierten lesbischen Büromaus im wilden Osten.

Crime noir zwischen postsozialistischem Realismus und postkoitaler Romantik: Gabriella Müller hegt ein zärtliches Gefühl für verfallene Plattenbauten, Plastiktüten in kahlen Bäumen und verlebte Ungarinnen.

Als ehrenamtliche Telefonberaterin der Homo-Hotline bekommt Gabi die haarsträubendsten Geschichten zu hören – bis sie plötzlich zur unfreiwilligen Schlüsselfigur einer mörderischen Affäre wird …

Die Mär vom Blaubart ist völlig aus dem Leben gegriffen. Nur dass der kompromittierende Gegenstand hier in Ungarn kein goldener Schlüssel ist.

Es ist ein Handy.


Leseprobe

Kennt ihr das Märchen vom Blaubart ?

Ritter B. , mehrfach verwitwet, nimmt sich eine neue Frau. Nach den Flitterwochen fährt er auf Dienstreise und lässt seiner Frau die Hausschlüssel da.

„Ich habe keine Geheimnisse vor dir, du darfst schalten und walten“, sagt er, „nur in das kleine Hinterzimmer darfst du nicht. Sonst wehe dir.“ Und er fügt hinzu: „Der Schlüssel zum kleinen Hinterzimmer ist übrigens dieser goldene hier.“

Und fährt auf Dienstreise.

Die junge Frau schaltet und waltet, und schaut schließlich ins kleine Hinterzimmer.

Natürlich.

Dort sieht sie die zerstückelten Leichen ihrer Vorgängerinnen und lässt vor Schreck den goldenen Schlüssel in eine Blutlache fallen. Sie putzt und putzt, aber das Blut geht nicht ab.

Und natürlich kommt im selben Moment der Gatte von der Dienstreise zurück und will seinen Schlüsselbund wiederhaben.

Sieht die Blutflecke.

Und verkündet, sie wegen ihrer Neugier umzubringen. Hier und jetzt.

In der deutschen Version bekommt sie Aufschub für ein Gebet und hält vom Balkon aus Ausschau nach ihren Brüdern, die ihr im letzten Moment zu Hilfe kommen und den Blaubart killen.

Ende gut, alles gut.

Es gibt auch eine ungarische Version. Béla Bartok hat aus dem Stoff eine Oper gemacht.

An dieser Stelle gibt es darin ein langes, tragisches, leidenschaftliches Liebesduett.

Wie sehr sie sich doch trotz allem lieben.

Wie tragisch doch die Umstände ihrer Liebe sind.

Blaubart betont, dass ihm diese Entscheidung überhaupt nicht leicht fällt. Aber es geht nicht anders.

Er bringt sie um.

*

Die Mär vom Blaubart ist völlig aus dem Leben gegriffen. Nur dass der kompromittierende Gegenstand hier in Ungarn kein goldener Schlüssel ist.

Es ist ein Handy.


Montag, 11.1.

Ich bin immer die Erste im Büro. Der Tag beginnt mit Kaffeekochen. Sie liebt ihn schwarz und süß.

Ich bin die rechte Hand meiner Chefin.

Die Chefin ist atemberaubend.

Blonde Bulgarin mit insektenhafter Sonnenbrille, knallengen italienischen Designerklamotten und einer Stimme wie der bulgarische Synchronsprecher von John Wayne.

Tief. Rauchig.

Scharf.

Am Anfang konnte ich mir ihren Vornamen nicht merken, ich nannte sie immer nur „the boss“, und dabei blieb es. Ihr Familienname, Kotzeva, tönt nur deutschen Ohren seltsam.

Die Chefin ist tough. Sie schüchtert Leute ein. Ich mag toughe Frauen. Sie ist klein und zierlich, aber zäh. Ihr Körper ist aus Silhouetten zusammengesetzt, auf deren Schliff sie viel Zeit verwendet. Sie trägt sie wie eine Rüstung, Chirurgenstahl, rostfrei. Das einzig Weiche an ihr ist ihr Bauch, den sie unter schwarzen italienischen Kostümjacken hütet und der sagt, ich bin über vierzig.

Wenn sie geht, lässt sie den Duft von Herbstlaub hinter sich.

Bei meinem Vorstellungsgespräch schaute sie mich an, meine Lederhose, meinen Nasenring, meinen geisteswissenschaftlichen Uniabschluss, und sagte: Oh, you’re a German. Can you type?

Eine Woche später fing ich bei ihr als personal assistant an.


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Autorin/Bibliografie

Katrin Kremmler, M.A., geboren 1972, Cartoonistin und Ethnologin, hat die Budapester Lesbenszene wissenschaftlich erforscht und die besten Jahre ihres Erwachsenenlebens dort verbracht. Veröffentlichungen: „Dykes On Dykes“, Konkursbuchverlag 1998, „Pussy Rules“ im Internet 2000; Illustrationen für „Jane liebt Julia“, Knaur 2000; Kurzgeschichten und Illustrationen in Anthologien und Publikationen in Ost und West; Videoprojekt für das Schwul-Lesbische Filmfestival Budapest 2000 (Drehbuch und Regie).

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